Europa und die Krise aus US-amerikanischer Sicht. Ein Gespräch mit dem US Generalkonsul in München Conrad R. Tribble / von Thomas Wittmann, Junge Europäer Bayern
Herr Generalkonsul Tribble, ist Europa wirklich in der Krise oder neigen wir gerade zu Überreaktionen?
Verschiedene Länder definieren „Krise“ vielleicht unterschiedlich. Wir haben die Ereignisse bei uns in den USA als Wirtschaftskrise beschrieben und akzeptiert. Auch hier in Europa hat es über die vergangenen paar Jahre eine gewisse Wirtschaftskrise gegeben, aus der man aber jetzt langsam wieder herauskommt. Daher sehen wir nicht, dass überreagiert wurde – weder bei uns, noch hier in Europa. Es gab wirtschaftliche Entwicklungen, auf die man reagieren musste. Die Krise sehe ich jedoch nicht darin, dass verschiedene Staaten in Europa unterschiedliche Meinungen in eine Diskussion gebracht haben und zu verschiedenen Lösungsansätzen gekommen sind. Das ist keine Krise, sondern ganz normal, und daraus entwickeln sich Lösungen.
Was sind die Ursachen der Krise in Europa?
Die Krise hat in den USA natürlich viel früher angefangen und ist dann auf Europa übergeschwappt. Dies verdeutlicht, dass die Globalisierung ein Fakt ist. Europa hat darunter gelitten, dass die Auswirkungen diese Tragweite hatten. Zudem sind auch strukturelle Probleme in bestimmten europäischen Ländern erst verspätet ans Licht gekommen.
Hat sich das amerikanische Verhältnis zu Europa in letzter Zeit verändert?
Grundlage ist auf unserer Seite, dass wir die Idee Europas und die Entwicklung der Europäischen Union, die Integration in Europa und die Erweiterung der EU begrüßen. Das ist positiv für uns, da es unseren Partner auf der anderen Seite des Atlantiks stärkt. Und wir wollen einen starken Partner haben! Zwar erkennt man in ein paar Jahren nur wenige Änderungen, aber ganz gewiss steht das Inkrafttreten des Lissabonner Vertrags im Mittelpunkt. Und da sind Änderungen im Umgang mit Europa schon eingetreten. Wir müssen uns jetzt mit neuen Institutionen und Personalien auseinandersetzen, wie einem EU-Ratspräsidenten, einer EU-Außenministerin oder einem gestärkten Europaparlament.
Sind die Amerikaner in Bezug auf Europa vorsichtiger geworden?
Vielleicht sind wir insgesamt eher vorsichtiger geworden was Investitionen anbelangt, aber nicht spezifisch in Bezug auf Europa. Denn Europa ist ein begehrter Partner. Der Sturm hat sich ein bisschen gelegt. Dennoch merken wir, dass sich viele amerikanische Firmen für Europa interessieren. Der momentan schwache Euro ist positiv für die amerikanischen Firmen, die hier in Europa investieren wollen. Es ist auch günstiger geworden für amerikanische Touristen.
Bewegen sich die europäischen Staaten zu- oder auseinander?
Man merkt durchaus, dass es Entwicklungen gibt – aber in beide Richtungen. Unter anderem eine verstärkte Umsetzung des Subsidiaritätsprinzips. Man sieht in gewissen Entscheidungsprozessen, dass sich die Entscheidungsfindung nach unten verlagert, das heißt auf die Regionen und nicht auf die europäische Ebene. Auf der anderen Seite gibt es in bestimmten Bereichen eine Entwicklung in Richtung einer gesamteuropäischen Politik. Historisch gesehen ist klar, dass die Tendenz von den 50er Jahren bis jetzt sich deutlich in Richtung Souveränitätsabgabe auf europäische Institutionen hin bewegte.
Wird es irgendwann zu den United States of Europe kommen?
Man kann sich alles vorstellen. Rückblickend kam in den über 60 Jahren der europäischen Integration vieles überraschend, insbesondere wie schnell, tief und stark dieser Integrationsprozess vorangekommen ist. Wohin das genau gehen soll, müssen die Europäer selbst beantworten.
Wären die United States of Europe nicht eine Konkurrenz zu den USA?
Die gleiche Frage könnte man auch stellen bezogen auf die heutige EU. Nein, denn wir wollen einen starken Partner für die globalen Herausforderungen. Wir können gut mit Konkurrenten umgehen, die auch sehr enge Partner sind. Konkurrenz ist schließlich nicht unbedingt schlecht.
Wäre dann eine Zusammenarbeit leichter oder schwerer?
Wir nehmen Europa so, wie es sich uns präsentiert. Im Moment präsentiert es sich als sehr facettenreich. Auf der einen Seite ist ein geschlossenes Europa, eine Gemeinschaft, die sich in vielen Bereichen einigt und dann auch so auftritt. Auf der anderen Seite sind die Mitgliedsstaaten immer noch sehr wichtig. Wir können auf beiden Ebenen konstruktiv zusammenarbeiten. Zwar wissen wir, dass es nicht einfach ist, aber wenig ist einfach in der Politik. Jedenfalls arbeiten wir gerne mit dem Europa, das sich jetzt im Jahr 2010 sehr interessant präsentiert – mitunter kompliziert, aber handlungsfähig.
Vor gut 30 Jahren hat Henry Kissinger nach der Telefonnummer Europas gefragt. Wen würde er heute anrufen?
Es gibt mehrere, die er anrufen könnte. Mit etwas Humor hat er ausgedrückt, was einfach eine Beschreibung der damaligen Europäischen Gemeinschaft war. Das ist eigentlich keine freche Frage, sondern eher ernst gemeint: Wie können wir am besten mit Europa zusammenarbeiten? Wir haben jetzt ein paar neue Gesprächspartner/-innen auf höchster Ebene. Aber auch die Kommission und ihren Präsidenten dürfen wir nicht vergessen. Neun Monate nach Inkrafttreten des Lissabonner Vertrages wird immer noch aufgearbeitet, welche Nummer Europa denn auf seine Visitenkarte schreibt. Im Vergleich zu den 70er Jahren, als Kissinger diese Frage gestellt hat, kann man durchaus erkennen, dass Europa vor allem in außenpolitischen oder auch handelspolitischen Fragen versucht zusammenzurücken, um sich stärker als Einheit zu präsentieren.
Wann würden Sie Catherine Ashton anrufen?
Das haben wir schon mehrere Male getan, zu verschiedensten Themen. Aber all das ist erst im Werden. Erstmal müssen sich Ashton und der neue Auswärtige Dienst etablieren. Es wird sich erst in den kommenden Monaten und Jahren herauskristallisieren, zu welchen Themen man mit wem spricht.
Vielen Dank für das Gespräch!
http://www.jef.de/magazin/0210-europa-kriegt-die-krise/